Arnim Borski im Interview mit dem Schauspieler Curt Bois
Arnim Borski im Interview mit dem Schauspieler Curt Bois (1901-1991) im Oktober 1967 (Foto ©Enger)

„Ende 1982, in den stillen Tagen zwischen Weihnachten und Neujahr, schrieb ich all die Briefe, schrieb an vier Dutzend mir unbekannter Menschen, fragte nach ihrer Jugend, ihren Fluchten, ihren Träumen, nach Deutschland immer. Als ich damals fragte, das weiß ich heute mehr denn je, fragte ich ein bißchen auch nach mir selber. Wahrscheinlich war das einer der Gründe, warum ich zuletzt beschloss, allen exakt die gleichen Fragen zu stellen. Wie ähnlich, wie unterschiedlich, wie je anders werden sie antworten? Wie viele, wie wenige werden, wenn überhaupt, reagieren? In jedem Fall wird ein Bild entstehen, ein Bild, hoffte ich, mit klärenden Rändern, mit Farben und Facetten und mit einzelnen Menschen, die jene große Zahl, die unfassbare, zumindest greifbarer, realer machen.

Dreißig Briefe aus dem Exil, das ja nach dem Kriege nicht zu Ende war, sind hier versammelt. Weitere Briefwechsel haben sich angeschlossen, weitere Fragen sich ergeben, Begegnungen, Bekanntschaften, vereinzelte Freundschaften über Länder hinweg, aber das gehört schon nicht mehr hierher. Unbedingt hierher gehört indes, wie diese Briefe aus dem langen Exil mich, uns alle vielleicht?, heute treffen. Abseits von den Erfahrungen, die jeder Flüchtling für sich, allein mit seiner Flucht und seiner Lebensspur, hat machen müssen, ist eines ihnen gemeinsam: Ihre Sprache blieb allen, ihre deutsche Sprache, in die sie hineingeboren, hineingelebt wurden ...“  (Arnim Borski im Nachwort).

Arnim Borski (1941-2010)

Nach einigen Semestern Germanistik und Philosophie an der „Freien Universität“, Berlin, beginnt Arnim Borski eine Ausbildung als Journalist bei der Berliner Tageszeitung „Kurier“, unter dem damaligen Feuilletonredakteur Walter Kaul. Abgeworben vom Axel Springer-Konzern war er von 1968 bis 1972 als Literatur-, Film- und Theaterkritiker bei der Berliner Tageszeitung BZ tätig, ab 1972 dann als Ressortleiter für das Feuilleton der Berliner Mittagszeitung „Der Abend“.

Während der Verhandlungen über den Verkauf der Zeitung im Jahre 1977 beschließen Arnim Borski und seine Frau, dem Journalismus den Rücken zu kehren, und erwerben das renommierte Berliner Antiquariat von Kurt Wegner. Unter dem Firmennamen „Der Büchergarten“ geben die beiden Journalisten und Antiquare zahlreiche Antiquariatskataloge heraus, u.a. die beiden Kataloge 23 und 25 u.d.T. „Heimat ist anderswo. Leben vor 1933 in Deutschland - Leben in der Fremde - Leben nach 1945. Stationen auf dem Wege durchs Exil: Literatur und Veröffentlichungen von Kunst, Kultur, Wissenschaft, Politik und Gesellschaft“ (1987/1988).

Im Vorwort schreibt das Ehepaar Borski: „In diesem Katalog haben wir Lebenszeichen gesammelt, haben wir Bekannte und Bedeutende, aber auch Verlorene und oft zu Unrecht Verschollene namhaft gemacht. Ein Katalog vor allem mit der Absicht, Menschen auf ihren Lebensbahnen, ihren durch die Vertreibung heimatlos gewordenen Wegen darzustellen. Menschen aus allen sozialen, geistigen, politischen und gesellschaftlichen Bereichen.“ Bestechend sind bei den durchgängigen Kurzbiographien viele neue Fakten, besonders zu den weniger oder gar nicht bekannten Autoren.